Digitalisierung des Einzelhandels

Die Corona-Krise hat unser Einkaufsverhalten verändert. Die Geschäfte sind wieder geöffnet. Die Fußgängerzonen wirken wesentlich leerer als zuvor. Die Geschäftsleute fragen sich, wo bleiben unsere Kunden. Am Donnerstag fand die erste Digitalisierungskonferenz für den Einzelhandel im Ennepe-Ruhr-Kreis statt. Die EN-Agentur hat eingeladen. Die EN-Agentur ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Ennepe-Ruhr-Kreises. Wir haben die Konferenz begleitet und im Anschluss den Verantwortlichen Fragen gestellt. Die Antworten hören Sie im Podcast von Antenne Witten.

Unterstützungsangebote der EN-Agentur

Der Shutdown ist vorbei und wir dürfen wieder einkaufen. Als die Geschäfte alle noch geschlossen waren und wir nur Lebensmittel und den täglichen Bedarf sichern konnten, waren einige Einzelhändler bei uns im Ennepe-Ruhr-Kreis erfinderisch. Sie haben ihre Produkte nicht im Laden verkauft, sondern ihre Kunden über WhatsApp und Facebook beraten und über ihren eigenen Online-Shop die Waren verkauft. Auf der Digitalisierung-Konferenz des Ennepe-Ruhr-Kreis wurden Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Die EN-Agentur hat zu dieser Konferenz eingeladen. Jürgen Köder, Sie sind Geschäftsführer der EN-Agentur, wie unterstützt die EN-Agentur die Geschäftsleute bei uns im Kreis?

Jürgen Köder:
Nun in dem wir als Agentur unseren Kunden, also den Unternehmen hier im Ennepe-Ruhr-Kreis – in dieser schwierigen Zeit – mit Rat und Tat beiseite stehen. D.h. in erster Linie beraten wir in vielen Fragen, die jetzt im Rahmen von Corona auftauchen. Stichworte sind hierbei immer Kurzarbeit, die Kreditvergaben, die Soforthilfen aber auch die Hilfe zum Lebensunterhalt oder eben halt Beratung in Sachen ALG II, die wir gemeinsam mit unseren regionalen Partnern – also der Arbeitsagentur, den Kammern und dem Jobcenter EN durchführen. Wir haben seitdem, wir die Hotline vor dreieinhalb vier Wochen freigeschaltet haben, inzwischen weit über 500 Beratungen für Unternehmen hier im Kreis durchgeführt.

Mussten Sie das Unterstützungsangebote ihrer Agentur jetzt in der Corona-Zeit anpassen? Hat sich der Bedarf an Unterstützung gewandelt?

Jürgen Köder:
Absolut, wie für viele andere sind natürlich auch für uns die Zeiten vorbei, zu den wir zur Veranstaltung einladen, wo Menschen zusammenkommen, Probleme besprechen und Lösung erarbeiten. Dies alles findet bekanntermaßen inzwischen alles nur im Internet statt. Genau dahin sind wir auch mit vielen unseren Angeboten ausgewandert.

Wie viele andere Unternehmen bei uns im Kreis haben wir einen gigantischen Sprung in Sachen Digitalisierung durchgeführt. Ich hätte mir persönlich vor etlichen Wochen nicht vorstellen können, dass wir inzwischen zu Portalbetreibern geworden sind. Wir organisieren für die Händler im Ennepe-Ruhr-Kreis das Portal ennepe-ruhr-liefert.de oder eben unser Gutscheinportal mit den VeedelsRetter gemeinsam oder eben halt, dass wir Videos drehen oder Podcasts organisieren. Alles in einer gewissen Art und Weise unvorstellbar noch gewesen vor etlichen Wochen, inzwischen prägt es einfach unseren Alltag.

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Am Donnerstag fand die erste virtuelle Digitalkonferenz statt. Sie haben Händler eingeladen. Die dürften über das Internet mitdiskutieren. Kam die Idee für diese Konferenz von Ihnen oder wurde der Bedarf an sie herangetragen?

Jürgen Köder:
Nun wieso oft im Leben geht es um Push und Pull. Auf der einen Seite haben wir natürlich den Bedarf gesehen, unseren Händler_In und den Gastronomen einen weiteren Vertriebskanal zum Beispiel über unser Portal ennepe-ruhr-liefert.de liefert zur Verfügung zu stellen. Was im Übrigen ganz erfolgreich läuft, wir haben 520 Unternehmen darauf und über 1 Millionen Aufrufe unserer Startseite. Auf der anderen Seite haben uns Unternehmen angesprochen und gesagt, könnt ihr uns nicht dabei helfen, wie wir auch anders unsere Waren an den Kunden bringen können, sprich Beratung hinsichtlich Onlineshops, hinsichtlich Aufbaus einer Webseite und Ähnliches mehr.

Katja Kamlage von der EN-Agentur hat am Donnerstag die Digitalkonferenz des Ennepe-Ruhr-Kreises moderiert. Sie hat den einzelnen Tipps gegeben, wie sie ins Internet gehen können. Sonst ist sie dafür zuständig das Wirtschaftsunternehmen an Fördergelder des Staates kommen. Frau Kamlage hat die Corona-Krise die Einzelhändler auf dem falschen Fuß erwischt?

Katja Kamlage:
Grundsätzlich konnte keiner die Situation vorhersehen, von daher kann man gar nicht sagen, also es gibt nur den falschen Fuß und kein richtigen. Es ist keiner drauf vorbereitet gewesen und von daher war für uns einfach klar wir müssen als Wirtschaftsförderungsagentur auch da einsteigen und haben die Internetplattform ennepe-ruhr-liefert.de ins Leben gerufen.

Frau Kamlage: Sollte sich der Einzelhandel grundsätzlich ein digitales Standbein aufbauen?

Katja Kamlage:
Das ist sicherlich nicht für jeden sinnvoll, denn es geht ja auch immer darum, dass die Kunden in die Läden reinkommen, dass man sich miteinander austauscht und mal was ausprobieren kann. All das, was man online nicht abbilden kann. Es geht trotzdem, dass man eben versucht online da zu sein, um eben auch für die Kunden erreichbar zu sein. Von daher muss man sehen. Kunden, die vor allem in solchen kleinen Orten – wie wir sie hier vorfinden – wir leben in Kleinstädten und da fühlt man sich schon Lokal verhaftet und dann geht man auch gerne mal in das Geschäft vor Ort oder bestellt jetzt in dieser Situation dann eben auch online dort.

Ich hab ihr schon in der Konferenz gehört in den letzten Wochen standen bei Ihnen die Telefonen nicht still, wie wurden denn die Angebote EN-Agentur während der Corona-Krise angenommen?

Katja Kamlage:
Sie wurden sehr gut angenommen und da waren wir auch sehr überrascht, weil auch dieses ganze Feld von Internetplattform „Neuland“ für uns ist. Ennepe-Ruhr-Liefert zum Beispiel, da haben wir ja mittlerweile 520 Einträge von Einzelhändlern und Dienstleistern, genau wie von Gastronomen.

Auch unser Video Kampagne, wo wir ja leider nicht jeden Einzelhändler aufnehmen konnten, wurden sehr häufig angesehen und alle haben sich auch wirklich darüber gefreut. Außerdem muss man auch sagen, seitdem wir unsere Homepage haben und wir können das jetzt ein bisschen beobachten, die Leute die dort eingetragen sind kümmert sich mehr und mehr um einen eigenen online Auftritt, um für die Kunden dazu sein. Viele werden auch wirklich sehr kreativ.

Der gelernte Bankkaufmann und Diplom-Psychologe Marc Letzing ist in Hattingen für die Grauzone zuständig, einem Coworking-Space – so eine Art Business-Wohngemeinschaft. Er war bei der Konferenz anwesend. Hier im Radio vermelden wir regelmäßig Staus, der Digitalisierungsstau ist nicht dabei. Wo staut es sich denn eigentlich im Ennepe-Ruhr-Kreis?

Marc Letzing:
Aus meiner Sicht gibt es da zwei klare Antworten, einerseits die persönliche Verbindung Zuhause, also der Breitbandausbau. Das weit ist die persönliche Unsicherheit, da man keine direkte Rückmeldung bekommt, wenn man was postet oder dann online stellt.

Bleiben wir bei dem Bild: Im Radio werden Tipps gegeben, wo es Staus gibt aber auch wie man sie umfährt.  Wie umfahre ich den Digitalisierungsstau?

Marc Letzing:
In dem man losfährt und sich davon löst, dass es perfekte Lösung gibt. Also Schritt für Schritt vorgehen. Genauso wie in einem Stau, man fährt bis zur ersten Stauung, fährt ab und sucht sich einen neuen Weg. Genau so geht es auch mit der Digitalisierung.

Auto stehen im Stau, weil die Straßen zu schmal sind. Im Internet sind die Leitungen zu schmal. Jürgen Köder, Geschäftsführer der EN-Agentur, wann wird das Internet hier bei uns im Ennepe-Ruhr-Kreis endlich mal schneller?

Jürgen Köder:
Wir werden im Mai dieses Jahres mit den ersten Maßnahmen zum geförderten Ausbau beginnen. Die gesamte Bauzeit erwarten wir bei 36 Monaten. Wir hoffen, dass wir dann die meisten weißen Flecken bei uns im Kreis versorgt haben. Von neuangebunden Haushalten werden über 2.000 direkt auch mit Glasfaser versorgt. Außerdem schließen wir alle Unternehmen, die in den Außenbereichen liegen, an Glasfaser an. Wir sind insgesamt zuversichtlich bis 2025 mehr als 99 % aller Haushalte mit mehr als 50 MBit zu versorgen und die gleiche Quote streben wir auch für unser Unternehmen an.

„Bis 2010 soll für jeden Haushalt ein Breitbandanschluss möglich sein.“Angela Merkel, Bundeskanzlerin (28.2.2009)

Wer schon mal eine schnelle Leitung zu Hause oder im Büro hat, aber trotzdem vom Digitalisierungsstau geplagt ist, dem fehlt wahrscheinlich die richtige Hardware. Herr Köder gibt es bei den Unternehmen dieses Bewusstsein, dass nicht nur die Leitung schnell sein muss, sondern auch der PC, denn die Mitarbeiter nutzen?

Jürgen Köder:
Ja nun, die Gründe warum manches nicht funktioniert, können ja so unterschiedlich sein. Nicht immer liegt es in der PC-Infrastruktur. Ich kann Ihnen versichern, wir konnten für jedes Unternehmen, was derartigen Probleme hatte, eigentlich eine befriedigende Lösung finden.

Früher hätte Sie gedacht, eine kleine Buchhandlung die braucht gar keinen Onlineshop. Die Herdeckerin Inka Beermann verkaufte während des Corona-Shutdown über das Internet Bücher. Ihrer Kunden, die hat sie über Facebook und WhatsApp beraten. Kommunikationswege die vielen Unternehmen noch zu unbekannt sind noch zu wenig genutzt werden. Jürgen Köder, Geschäftsführer der EN-Agentur, vernetzt ihre Agentur auch Geschäftsleute, damit sie über so ein wichtiges Thema wie Socialmedia sich austauschen können?

Jürgen Köder:
Ja, eindeutig ja. Spätestens seit unserer Digitalkonferenz für die Händlerin im Ennepe-Ruhr-Kreis am 30. April diesen Jahres werden wir jetzt Formate entwickeln, wo Händler_In und Gastronomen und jeder der mit uns darüber sprechen will, sich in Sachen Socialmedia austauschen kann.

Der Corona-Shutdown hatte auch die EN-Agentur gezwungen stärker auf Socialmedia zu setzen, ergänzt Katja Kamlage:

Katja Kamlage:
Vor kurzem haben wir eine eigene Transformationsprozess vollzogen, der auch sehr viele digitale Momente beinhaltete. Von daher können wir da einfach auch von unseren Erfahrungen zehren. Außerdem sitzen wir hier in der Grauzone, in der Business-Wohngemeinschaft. Hier sind sehr viele digital-affine Leute, die unterwegs sind, die wir immer auch mal wieder ansprechen und mit ins Boot holen, wenn es da Fragen gibt.

Zum Thema Socialmedia gibt es sicherlich ganz viele Fragen. Katja Kamlage, wie kann ich die EN-Agentur erreichen?

Katja Kamlage:
Ja wir sind auf ganz vielen Kanälen unterwegs, man kann uns jederzeit und immer erreichen, auch wenn wir nicht sofort antworten. Wir haben jetzt zum Beispiel in der Corona-Krise extra eine Hotline eingerichtet, um auch da immer präsent zu sein. Es ist wirklich der einfachste Weg uns anzurufen und dann sind wir natürlich auch gerne mit Rat und Tat bereit zu unterstützen.

Podcast der EN-Agentur

Die Möglichkeit vier Hörer zu erreichen, bietet natürlich auch ein Podcast. Das wissen wir als Antenne Witten natürlich schon sehr lange. Sie bereiten ihren Podcast gerade vor. Wann ist es denn soweit?

Katja Kamlage:
Den ersten Podcast gibt es tatsächlich schon. Man kann ihn sich schon anhören. Auf YouTube und  SoundCloud sind sie schon abrufbar. Wir informieren immer über die sozialen Kanäle darüber. Man kann auch genauso gut auf unserer Homepage vorbeischauen. Es werden sicherlich noch ganz viele Folgen, denn wir sind sehr zufrieden mit dem Format. Es werden also noch ganz viele weitere Themen folgen.

Social Media im Einzelhandel

Immer mehr stationäre Handel entdecken das Internet für sich und waren auch während des Shutdowns für ihre Kunden zu erreichen. Kundenkommunikation über WhatsApp oder Facebook kostet erst einmal gar nichts, außer ein bisschen Zeit. Die richtige Strategie für sich zu entdecken, wie präsentiere ich mich im Internet, das ist aber nicht ganz einfach. Marc Letzing, wenn ich im Internet verkaufen will, starte ich einen eigenen Shop oder nutze ich eine der bekannten Plattformen?

Marc Letzing:
Es kommt drauf an, was sie erreichen wollen. Wenn sie schnell starten wollen, nutzen Sie einen fertigen Shop wie eBay. Haben aber immer die Abhängigkeit auch vom großen Anbieter. D.h. wenn sie jetzt in der Corona-Zeit nicht das Produkt haben, das als System relevant wahrgenommen wird, werden sie auch ganz schnell nach hinten geschoben. Wenn sie dem ein bisschen aus dem Weg gehen wollen, nehmen Sie die Marktplätze dir eine Provision nehmen, also d.h. die bauen ihre Marge so auf, dass sie sich auch diese Provision an den Marktplatz noch leisten können. Möchten Sie das Heft des Handelns selbst in der Hand behalten, kaufen Sie sich, beziehungsweise bauen Sie sich einen eigenen Shop. So ist es ganz einfach von der Skalierung her, Abhängigkeit eBay bis hin zur Eigenständigkeit eigener Shop.

Socialmedia ist immer noch eine Plattform, um seine Hunde und Katzen zu präsentieren. Wie verkaufe ich auf Facebook, Instagram oder TikTok?

Marc Letzing:
Zunächst einmal sind diese Medien auch vor allen den Kommunikationsmedien, wo ich halt Katzen und Hunde auch präsentieren kann. Wenn man das aber mit vernünftigem Content also vernünftigen Inhalt und vor allen Dingen authentischen Inhalt erfüllt, kann das zu einem sehr wertvollen Transfermedium werden. D.h. das Medium führt dazu, dass es dann die Person und Interessen Gruppe auf meine eigene Website führt und dort findet dann der eigentliche Verkauf statt.

Fördermittel

Dietrich Dinges, Wirtschaftsberater bei der EN-Agentur, was glauben Sie, welche da am Donnerstag vorgestellten Möglichkeiten waren wirklich neu für die Teilnehmer ihre Konferenz?

Dietrich Dinges:
Ja viele Einzelhändler kennen die Sofortmaßnahmen oder die von der Agentur für Arbeit angebotene Kurzarbeitergeld. Neu war vielleicht, dass man die Digitalisierung im Einzelhandel fördern lassen kann. Mit dem Programm „Go Digital“ ist es ein niederschwelliges Angebot der Bundesregierung, um dort auch wirklich kleine digitale Projekte umzusetzen, ob es Socialmedia-Kampagnen sind, Socialmarketing oder das Aufsetzen eines neuen Internetauftrittes.

Jetzt hören uns einige Teilnehmer, hier in der Radiosendung oder im Podcast später und grübeln wie sie die vorgestellten Ideen umsetzen können. Manchmal kommt man an ihr deine Stelle beim Grübeln nicht weiter und braucht Hilfe. An wen wendet man sich da?

Dietrich Dinges:
Ja sehr gerne an uns, die EN-Agentur oder explizit an mich Dietrich Dinges. Für die Fördermittelberatung und Gründungsberatung bin ich eh gewohnt Ideen einzuschätzen oder sie auch weiter zu entwickeln und versuche da die Leute auch adäquat zu unterstützen.

Gibt es eigentlich Fördermittel, um sich im Internet besser aufzustellen?

Dietrich Dinges:
Ja, wie ich vorhin schon erwähnt habe, es gibt das Programm „Go Digital“ des Bundes. Da kann man sich auf jeden Fall Fördermittel besorgen für digitale Projekte. Das können Förderthemen oder Projektthemen sein, wie Socialmedia-Kampagnen, eigenen Webauftritt neuaufsetzen oder überhaupt sich ein zu verschaffen. Auch die IT-Sicherheit ist ein Förderbestandteil. Es gibt 50 Prozent Zuschuss zu den insgesamt anfallenden Kosten. Da reden wir von einem Förderumfang zwischen 4.000 € und 30.000 € ungefähr.